Warum Quantenphysik in der
Berufsausbildung?
Metatext über eine Unterrichtseinheit.
Hier geht es die Ausbildung von Laboranten und Technischen Assistenten
(CTA, BTA, PTA etc.)
In der Regel wird in der Berufsschule das Bohrsche Atommodell gelehrt,
das aber viele Vorgänge und Sachverhalte nicht hinreichend
erklären kann (z. B. Bindungswinkel, delokalisierte
Elektronen).
Ziel der Unterrichtseinheit ist daher das Orbitalmodell, mit dessen
Kenntnis dann auf dem Weg über das Pauli-Prinzip und die
Hundsche Regel der Aufbau des Periodensystems hinreichend gut
erklärt werden kann, woraus sich der Rest der Chemie ergibt.
Kurz: das Orbitalmodell eignet sich als Grundlage jeglicher Chemie.
Zunächst wird nach einer Einführung der
elektromagnetischen Strahlung das Wellenmodell des Lichts
erklärt. Ein zentraler Punkt dabei ist der Zusammenhang
zwischen Wellenlänge und Energie. Nach der Vorstellung eines
kontinuierlichen Spektrums wird das Zustandekommen eines
Linienspektrums gezeigt, wobei wieder die Energie im Mittelpunkt steht.
An dieser Stelle tauchen erstmals die Wörter "Photon" und
"Lichtquant" auf. (Nach der Einführung dieser Begriffe auf
elementarem Niveau haben sie ihren womöglich abschreckenden
Charakter zumindest teilweise verloren. Wenn die Schüler
später das Wort "Quanten" hören, werden sie zumindest
wissen, davon schon mal etwas gehört zu haben.)
Die andere, schwierigere Seite ist der scheinbare Widerspruch zwischen
Lichtwellen und Photonen: der Welle-Teilchen-Dualismus. Dies ist
gewissermaßen ein "philosophischer Flaschenhals", durch den
die Schüler jetzt durch müssen – schwierig
für Abiturienten, unmöglich für
Realschüler? Ein möglicher Ansatz ist es,
aufzuzeigen, daß es sich in beiden Fällen um Bilder
handelt, die sich nebeneinander akzeptieren lassen (weil "das Ding an
sich" nicht faßbar ist).
Anschließend wird gezeigt, wie Elektronen in einen
höheren Energiezustand (und wieder zurück) gelangen
und welche Rolle das Photon dabei spielt. Damit wird klar,
daß nur bestimmte Energiebeträge das Atom verlassen
können: eben die Quanten, die das Linienspektrum erzeugen.
Im nächsten Schritt werden die Schwingungsbäuche und
–knoten stehender Wellen vorgestellt, deren Anzahl den
Energiezustand charakterisieren, wobei hauptsächlich die bei
dreidimensionalen Schwingungen auftretenden Knotenflächen von
Interesse sind.
Nach einer kurzen Erwähnung des Bohrschen Atommodells ist es
anhand des bisher Gelernten kein abwegiger Gedanke mehr, sich die
Elektronen als dreidimensional schwingende elektrische Ladungen
vorzustellen – die an dieser Stelle meist übliche
Einführung der deBroglie-Welle kann in eine Fußnote
"verbannt" werden: der Wellencharakter des Elektrons ergibt sich
zwanglos und mit ihm der Begriff "Hauptquantenzahl" als Anzahl der
Knotenflächen.
Mit einem teilweisen Rückgriff auf die Teilchennatur des
Elektrons lassen sich die Knotenflächen und
Schwingungsbäuche den Aufenthaltswahrscheinlichkeiten des
Elektrons zuordnen – die Ladungswolke, das Orbital, hat das
Licht der Welt erblickt.
Fazit: das auf quantenphysikalischen Erscheinungen aufbauende
Orbitalmodell kann (mit gewissen Einschränkungen) auch ohne
die in der Oberstufe des Gymnasiums zur Verfügung stehenden
Mittel eingeführt werden.
Da der Stoff den meisten Schülern unbekannt ist, wurde in der
praktischen Umsetzung versucht, das Wissen in übersichtlichen
Portionen anzubieten. Das (nicht immer zu verwirklichende) Prinzip
lautet: eine "Erkenntnis-Einheit" auf eine DIN A4-Folie, auf jeder
Folie maximal zwei hervorgehobene zentrale Sätze.