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Weisheit ist nicht das Ergebnis von Schulbildung, sondern des lebenslangen Versuchs, sie zu erwerben.
Albert Einstein


Rüdiger Kuhnke
Philosophen


Diese Texte hat ein Laie verfasst. Benutzen Sie sie also nicht als Plagiatsvorlage, das kann danebengehen.

Die Anfänge der abendländischen Philosophie liegen im antiken Griechenland, dessen Geschichte deshalb hier kurz angerissen sei. Nachdem auf dem Gebiet des späteren Griechenland in der Bronzezeit des 2. Jahrtausends v. Chr. die minoische und die mykenische Kultur angesiedelt waren, folgte zwischen dem 11. und 8. Jahrhundert v. Chr. das Dunkle Zeitalter, aus dem keine schriftliche Quellen und nur sehr wenige archäologische Funde vorliegen; daher sein Name. Im 8. Jahrhundert, in dem auch Homer lebte, begann die Kolonisation des Mittelmeerraums und die Etablierung der Polis, des griechischen Stadtstaates, der sich in der darauf folgenden archaischen Zeit im 7. und 6. Jahrhundert zur vollen Blüte entwickelte. Ab ca. 500 spricht man vom klassischen Griechenland, das als Fundament der abendländischen Kultur gilt und eine Zeit des politischen, kulturellen und ökonomischen Aufschwungs war. Es begann mit der Abwehr der Perser in der Schlacht bei Salamis, umfasste die Blütezeit unter Perikles, aber auch den Peloponnesischen Krieg mit der Niederlage Athens und seinem anschließenden Wiederaufstieg. Mitte des 4. Jahrhunderts begann in Makedonien mit den ersten Feldzügen Alexanders des Großen die Zeit des Hellenismus, in der ein von Indien bis Ägypten reichendes Weltreich geschaffen wurde. Nach wechselvoller Geschichte unter den Nachfolgern Alexanders (Diadochenreiche) begannen die Römer dort politischen Einfluß zu nehmen; 212 wurde Archimedes in Syrakus durch einen römischen Soldaten erschlagen, 146 wurde Griechenland römische Provinz. Die Annexion Ägyptens durch Rom im Jahre 30 v. Chr. gilt als das Ende des hellenistischen Zeitalters.


Thales von Milet (624-546)
Traditionell ist der Beginn der Philosophiegeschichte mit dem Namen Thales von Milet verbunden, dem ersten der ionischen Naturphilosophen. Es ist allerdings keine von ihm selbst stammende schriftliche Aufzeichnung bis in die heutige Zeit überliefert. Daher ist es nicht sicher, welche der ihm zugeschriebenen Erkenntnisse wirklich von ihm stammen. In fast allem sind wir auf die Darstellungen Platons oder Aristoteles' angewiesen, die aber anscheinend noch von ihm selbst verfasste Schriften besaßen, denn sie nehmen nicht nur häufig darauf Bezug, sondern zitieren daraus wörtlich (s. u.). Konsens ist aber, daß Thales hervorragende mathematische und astronomische Kenntnisse besaß, die er teils in Ägypten erworben hat, teils, aus eben dieser Quelle gespeist, selbst entwickelte. Man schreibt ihm auch die Erkenntnis zu, daß es in der Natur Abhängigkeiten von Größen untereinander, also Naturgesetze gibt. Thales lebte in der Zeit der griechischen Kolonisation, als neue Städte ("Pflanzstädte") im westlichen Mittelmeerraum, in Nordafrika und an den Küsten des Schwarzen Meeres gegründet wurden, besonders in Süditalien und Sizilien, dem später so bezeichneten Magna Graecia. Er kam aus der florierenden und zeitweilig auch politisch mächtigen ionischen Hafenstadt Milet. Man kann wohl sagen, daß Milet durch vielfältige Kontakte zu den rund um das östliche Mittelmeer liegenden Handelspartnern eine Art Schmelztiegel mit einem anregenden kulturellem Klima darstellte, in dem neue Ideen und kritische Nachfragen gedeihen konnten. Für Thales (der nicht nur Philosoph, sondern auch Kaufmann, Politiker, Astronom und Ingenieur war) bildete die Frage nach dem Ursprung und dem Urgrund allen Seins (αρχή) einen der Mittelpunkte seines Interesses. Dies war eine grundlegend neuartige Frage, deren besondere Bedeutung darin lag, daß bei der Suche nach dem Ursprung der Welt erstmals nicht mehr auf mythologische oder religiöse Vorstellungen zurückgegriffen wird. "Thales entmythologisierte die natürlichen Phänomene" (Mansfeld). Bei Aristoteles finden wir dazu folgendes: „Denn es muß eine gewisse Substanz vorhanden sein, entweder eine einzige oder mehrere, aus denen alles übrige entsteht, während sie selbst erhalten bleibt. Thales, der Begründer einer solchen Denkweise, erklärt das Wasser als den Urgrund.“ Thales (laut Aristoteles): "Das Wasser ist der Ursprung allen Seins, alles ist dem innersten Wesen nach Wasser." Am Anfang gab es nur Wasser, es verdunstete und zurück blieben die Meere. Auch das Leben stammt aus dem Wasser. Die Idee, daß der Mensch sich aus etwas Primitiverem, letztlich dem Wasser, entwickelt hat (Deszendenzlehre), tritt hier zum ersten Mal auf.
Eine andere Aussage Thales' wird bei Aristoteles zitiert: "Alles ist voll von Göttern". Wie passt das mit
der durch Thales vorgenommenen  Entmythologisierung zusammen? Dazu Mansfeld: "Meiner Meinung nach bezieht sich diese Aussage aber nicht auf eine Wiedereinführung der alten Götter, sondern auf die Annahme, daß die alte Ausnahmestellung [Hervorhebung durch mich, RK] des Göttlichen vorüber sei. Sein Gottesbegriff deckt sich nicht mit dem der Mythologie." Vielmehr gehe es um die "in den unscheinbarsten Dingen versteckten Wunder".

Anaximander (611-546) und Anaximenes (585-525)
Anaximander, ebenfalls aus Milet und wahrscheinlich ein Schüler Thales', suchte wie dieser den Ursprung der Dinge, stellte aber weitergehende Fragen. Denn die Aussage, daß alles "dem Wasser" entstamme, ist ja nicht so ganz befriedigend. (Wieso ist Thales eigentlich bei dieser These "stehengeblieben" und hat nicht nach der Herkunft des Wassers gefragt?)
Auch Anaximander benutzte keine Götter oder andere Begriffe der Mythologie in seinen Erklärungsversuchen. Er führt alles auf etwas zurück, das selber keines Ursprungs bedarf, dies nannte er das Apeiron
(απειρον), das Unbeschränkte, das Unerschöpfliche. Dem gegenüber steht das Beschränkte, die Welt der menschlichen Erfahrung. Anders als das Beschränkte ist das Apeiron nicht entstanden, es altert nicht und es hat kein Ende: es ist auch zeitlich unbeschränkt.
Seine Verbindung zu "unserer" Welt, also zum Beschränkten, besteht in Elementarkräften, die sich aus einem vom Apeiron spontan abgestoßenen "samenartigen Etwas" bilden. Dieses vereint in sich das trockene, heiße Feuer und das feuchte, kalte Wasser. Da diese sich bekanntermaßen nicht vertragen, kommt es zu einer Art "Urknall", in dessen Folge aus dem Feuer die Sonne und die Gestirne entstehen und aus der Feuchte und einem erhärteten Kern die Erde.

Auch das Leben entsteht unter dem Einfluß des Feuers aus feuchtem Erdschleim, mit einer Ausnahme: der Mensch, der für seine Entwicklung relativ lange braucht, ist in einem Fisch entstanden. Bei Plutarch heißt es: "[Anaximander sagt,] ursprünglich seien die Menschen in Fischen zur Entwicklung gekommen und dort ernährt worden - wie es beim glatten Hai der Fall ist..."
Das kalte Feuchte und das warme Trockene stehen von da an in ständigem Kampf miteinander, und dieser fortwährende Kampf der Elementarkräfte ist der Grund für das geordnete Nacheinander des Zeitablaufs, der Unausweichlichkeit der Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung - diese Idee stellt die "Entdeckungsurkunde des physikalischen Zeitbegriffs" (Mansfeld) dar.
Götter kommen bei Anaximander nicht vor, an die Stelle des Persönlich-Göttlichen ist das überpersönliche Unbeschränkte getreten. Das Geschehen in der Welt ist auch nicht durch Eingriffe der Götter oder vom Schicksal bestimmt, sondern verläuft gesetzmäßig.
Anaximenes gehörte der nachfolgenden Generation der "Milesier" an, bei ihm nahm der Ursprung wieder einen stofflichen Charakter an. Sein Urstoff war der Aer (
αήρ), was meist mit Luft übersetzt wird, aber auch Nebel oder Dunst bedeuten kann. Der Aer ist, ähnlich dem Apeiron, unerschöpflich und unbeschränkt, ist aber, anders als das Apeiron, selbst Bestandteil der Welt. Es ist wandlungsfähig wie der Urstoff des Thales: durch Auflockerung oder Verdünnung geht aus ihm das Feuer, durch Konzentration, Verdichtung oder Zusammenziehung Wind, Wolken, Wasser und Erde hervor. Im Anaximenes' Fragment Über die Natur finden wir: 1. [Das sich zusammenziehende und verdichtende der Materie ist das Kalte, das Dünne und] Schlaffe [dagegen das Warme]. 2. Wie unsre Seele Luft ist und uns dadurch zusammenhält, so umspannt auch die ganze Weltordnung Odem und Luft.

Kritische Anmerkung
Weischedel kritisiert die in der Literatur verbreitete Ansicht über den "Materialismus" Thales'. Er schreibt: "Offenbar muß man Thales [...] als einen ausgesprochenen Materialisten ansehen. [...] Freilich, so wird hinzugefügt, Thales ist noch ein recht primitiver Materialist [...] aber man braucht ihn mit seiner überholten Annahme nicht mehr ernst zu nehmen.
Aber die darin liegende Verachtung des Anfangs der Philosophie sollte doch zu denken geben. Hat man denn jenen Satz vom Wasser als dem Urprinzip richtig verstanden, wenn man ihn so ohne weiteres als Ausdruck eines philosophischen Materialismus deutet? Das Bedenken wird noch verstärkt, wenn man hinzunimmt, daß von Thales ein zweiter Satz überliefert wird, der nun ganz und gar nicht zu der materialistischen Deutung passen will. Er lautet: 'Alles ist voll von Göttern.' Jetzt geht es offenbar nicht darum. daß alle Wirklichkeit aus einem Urstoff erklärt wird. Jetzt wird vielmehr gesagt: was wir vor uns sehen, diese ganz sichtbare Welt, ist die Stätte der Anwesenheit von Göttern. Der Mensch begreift die Welt nicht richtig, wenn er meint, was er um sich sieht, seien einfachhin vorhandene Dinge; er muß einsehen: es ist das Wesen der Dinge, daß in ihnen Göttliches waltet [...]
Erwächst vielleicht die Unvereinbarkeit nur daraus, daß man die These vom Ursprung aus dem Wasser im modernen naturwissenschaftlichen Sinne deutet, [...] und daß man sie damit nicht in ihrem wahren, zeitgenössischen Sinne versteht?"
Ich kann mich Weischedels Auffassung nicht anschließen, aber es lohnt sich, hierzu Näheres bei ihm zu lesen.

Pythagoras (570
-510)
Vorbemerkung: Mit diesem Text habe ich mich schwergetan. Worin die philosophische Bedeutung Pythagoras' liegt, ist mir auch jetzt noch nicht ganz einsichtig. So bleibt mir nur der Versuch, das Angelesene in eine Form zu gießen, die dem Anspruch eines groben Überblicks genügt.
Pythagoras wurde um 570 auf Samos geboren, wanderte um 530 in die griechische Kolonie Kroton aus und gründete dort eine Art Orden, eine "kultische Lebensgemeinschaft, die rasch politischen Einfluß und auch in anderen griechischen Städten Süditaliens Anhänger gewann [...] Die politische Gesinnung dieser Pythagoreer war oligarchisch-konservativ. Es wird berichtet, daß viele Städte damals von Pythagoreern 'regiert' wurden" (Mansfeld S. 98). Etwa 30 Jahre später emigrierte Pythagoras aus politischen Gründen nach Metapont, wo er eine zweite Gemeinschaft gründete und einige Zeit später starb. Sein Gedankengut und seine Lehren wurden von seinen Anhängern weiterverbreitet, bis sich Mitte des 5. Jahrhunderts "in den meisten süditalienischen Städten die Bürger gegen die Pythagoreer erhoben... Viele Pythagoreer flüchteten ins griechische Mutterland, wo unter anderem Platon mit ihnen bekannt wurde. Philolaos veröffentlichte um 425 v. Chr. ein Werk, das pythagoreisches Gedankengut mit den Lehren des Parmenides [...] verband. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. scheint der Pythagoreismus in Süditalien erloschen zu sein." (Geyer S. 63) Weder Pythagoras noch seine unmittelbaren Schüler haben Schriften hinterlassen, nur Berichte anderer Philosophen legen Zeugnis von ihm ab. Ein geflügeltes Wort aber soll damals "Er selbst hat es gesagt" gewesen sein.
Die Lehre der von Pythagoras gegründeten Orden gliedert sich in einem mathematisch-wissenschaftlichen und einen religiös-ethischen Teil. Letzerer besagt, daß es etwas gibt, das "hinter" der sichtbaren Welt liegt: Etwas, was reiner ist als das, was um uns herum ist, nämlich das Göttliche, Höchste (Ewige, Unveränderliche). Die Annäherung an das Göttliche ist die Bestimmung unseres Daseins. Daraus leiten sich Vorschriften für ein Leben in Askese ab. Die Seele wird durch den Körper belastet, wird dadurch unrein und deshalb muß der Körper durch "reine" Ernährung (vegetarische Lebensweise, Abstinenz) rein gehalten werden. Auch die Wiederkehr der unsterblichen Seele ist laut Pythagoras möglich, und seinen Schülern prophezeite er: Ich komme wieder. Die (allerdings nicht gänzlich konsequente) vegetarische Ernährung soll übrigens vermeiden, daß man ein Lebewesen isst, in dem vielleicht eine menschliche Seele reinkarniert ist. (Ob es sich bei diesen Reinkarnationsideen um eigene Schöpfungen Pythagoras' handelt, ist fraglich. Er könnte sie auch von seinen Reisen mitgebracht haben.) Bemerkenswert finde ich Mansfelds Aussage: "Der unwissenschaftliche Charakter dieser Lehre soll uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß in ihr der Kern eines großen Gedankens enthalten ist. Sie darf nämlich als erster Ansatz einer Theorie von Person und Persönlichkeit betrachtet werden. Freilich wird die Persönlichkeit von den Pythagoreern eher als etwas Statisches [...] denn als etwas sich Entwickendes angesehen." (Mansfeld S. 115)
Übrigens dienen auch Mathematik - ein Indiz für die Existenz des Göttlichen - und Philosophie der Reinigung, sind also kein Selbstzweck. Wenden wir uns der Kosmologie und Mathematik, die beide eng miteinenander zusammenhängen, zu. Mansfeld spricht bezüglich der Kosmologie von einer "originären Weiterführung derjenigen Anaximanders unter Heranziehung eines Hauptgedankens von Anaximenes." (S. 101) Denn auch bei Pythagoras gibt es das Apeiron, das Unbegrenzte und Unbeschränkte, daneben als Begrenztes und Begrenzendes aber die "Eins". Aristoteles bemängelt, daß deren Entstehung nicht erklärt ist; laut Philolaos war bei einigen Pythagoreern davon die Rede, sie sei durch eine "Fügung" (armonia) entstanden. (Fügung von was? RK)
Die Eins hat das Vermögen, sich selbst durch Spaltung zu reproduzieren, indem sie das Apeiron "einatmet" (vgl. Anaximenes' Air). Dadurch entstehen Zahlen und Zahlenverhältnisse, eine geordnete Welt. Und somit haben die Zahlen einen völlig anderen Charakter als in unserer Mathematik: Die Zahl wird als reale, als konkrete Entität verstanden. "Wie Arsitoteles [...] hervorhebt, war der Grundgedanke des Pythagoreismus die [...] These, daß die seienden Dinge 'Zahlen' sind [...]" (Mansfeld S. 103 f)
Auch Zahlenverhältnisse sind von Bedeutung, stets aber als Verhältnis zweier ganzer Zahlen, denn die sich selbt reproduzierende Eins kann nur ganze Zahlen hervorbringen. Beipiele sind die Tonverhältnisse in der Musik, die sie produzierenden Töne "sind" Zahlen. Insofern kann man auch sagen, daß die seienden Dinge Zahlenverhältnisse sind. Kurz: den Zahlen wird außer der Quantität auch eine Qualität zugeschrieben (Bloch).
Für die Pythagoreer brach sozusagen eine Welt zusammen, als sie den berühmten Satz a2 + b2 = c2 auf die Seiten und die Diagonale eines Quandrats anwandten: 12 +12 = (√2)2. √2 läßt sich nicht in der Form p/q ausdrücken, mit p und q als ganze Zahlen. [Das war...] "eine Katastrophe. (Nach der Legende soll einer von ihnen zur Strafe dafür, daß er es ausgeplaudert hatte, Schiffbruch erlitten haben.) Sie waren auf eine irrationale Zahl gestoßen. 'Damit war die vermeintliche Allmacht der ganzen Zahlen gebrochen, denn mitten unter ihnen machte sich das Unendliche breit.' (Moore, A. W.: Eine kurze Geschichte des Unendlichen. Spektrum der Wissenschaft Juni 1995, S. 64)
Nichtsdestotrotz blieb unagefochten der Satz stehen: "Die Welt ist Zahl."
Bezüglich des bisher Dargestellten sei eine kritische Position erwähnt: War Pythagoras denn überhaupt ein Philosoph? "Was für Daumenschrauben wir der Überlieferung auch anlegen, wir vermögen ihr doch kein Zeugnis über die altpythagoreische Philosophie zu entpressen; alle Aussagen, zu denen sie sich herabläßt, gelten nur für die Bewegung der pythagoreischen Romantik, die gegen Ende des 5. und im Anfang des 4. Jahrhunderts in den aristokratisch und zugleich spekulativ und religiös ergriffenen Kreisen Unteritaliens und Siziliens sich ausgebreitet hatte. Und es gibt kein Mittel, die Schlußfolgerung zu entkräften, daß der Philosoph Pythagoras erst eine Schöpfung dieser Zeit und dieser Kreise sei." (Reinhardt, K.: Parmenides und die Geschichte der griechischen Philosophie. Frankfurt2 1959, S. 232. Zitiert nach Geyer, Carl-Friedrich: Die Vorsokratiker. Eine Einführung. Wiesbaden o. J., S. 64.)
Aber: "Dies alles hat nicht verhindert, daß Pythagoras bis zur Wiederentdeckung des Aristoteles im Hochmittelalter als der neben Platon wichtigste Philosoph der Antike gegolten hat..." (Geyer, S. 64) 


Heraklit von Ephsesos (520-460)
Heraklit fragt die Ärzte, ob sie „aus Überschwemmung Dürre machen“ könnten. Nach dieser etwas seltsam anmutenden Frage braucht man sich kaum noch darüber zu wundern, dass er damals schon gemeinhin als „der Dunkle“ galt. Denn er redete oft in Bildern, die dem Zuhörer Rätsel aufgaben. (Die Ärzte sollten lediglich seine Wassersucht kurieren, aber da sie ihn nicht verstanden, konnten sie ihm nicht helfen.)
Sein Wirken reicht dennoch bis in die Gegenwart. Seine Ideen hatten es Nietzsche angetan, Hegel meinte, „der tiefsinnige Heraklit“ führe „den vollendeten Anfang der Philosophie“ herauf und Ernst Bloch sprach gar vom „ersten Dialektiker“.
Erinnern wir uns an die milesischen Naturphilosophen und ihre Suche nach der αρχή. Identifizierte Thales als solche das Wasser und Anaximenes einen Stoff namens αήρ, so könnte sich Heraklit gedacht haben: „And Now for Something Completely Different“. Für ihn stand nämlich nicht ein Stoff im Mittelpunkt der Suche nach dem letzten Urgrund, sondern ein Prinzip. Es ist das Prinzip des ständigen Werdens und Vergehens, der ständigen Veränderung, knapp gefasst in der (von Heraklit selbst so nicht formulierten) Aussage „panta rhei“ (πάντα ῥεῖ), alles fließt, oder dem Satz „Du steigst nie zweimal in denselben Fluss“. Der Fluss ist in ständiger Veränderung; wenn man ein zweites Mal hineinsteigt, ist das Wasser, in das man beim ersten Mal stieg, längst flussabwärts unterwegs; und doch behält der Fluss durch sein Bett seine Identität. Denken wir an uns selbst: Jede Erfahrung verändert uns als Mensch, wir befinden uns in ständigem Wandel und bleiben doch derselbe Mensch. (Wobei ich die Diskussion über das Ich als Illusion hier zweckmäßigerweise außen vor lasse.)
Wenn alles fließt, fließt dann nicht irgendwann die Welt auseinander? Nein, denn das ständige Werden und Vergehen ist zugleich Ausdruck einer Einheit – der Einheit der Gegensätze. Denn die Welt ist von Gegensätzen beherrscht, das Zwiespältige und Widersprüchliche ist die Wirklichkeit: Tag und Nacht, Krieg und Frieden, im Menschen Leben und Tod, Wissen und Nichtwissen. Manchmal braucht man kein Paar von Gegensätzen, denn sie können in einem Einzelnen vorhanden sein: „Meerwasser ist das reinste und das schmutzigste…“ (für den Fisch, für den Menschen). Die innere Widersprüchlichkeit des Menschen kulminiert schließlich in dem berühmten Satz „Der Krieg ist der Vater von allem, der Krieg ist der König von allem; die einen zeigt er als Götter, die anderen als Menschen; die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien.“ Auf diesen Satz stützt sich das Argument, Heraklit habe tatsächlich kriegerische Auseinandersetzungen gemeint; andere Interpreten verweisen auf den Satz „Man sollte wissen, dass der Krieg etwas Allgemeines und Recht Streit ist und dass alles nach Maßgabe von Streit und Notwendigkeit geschieht.“ Diese Formulierung wird so verstanden, dass „Krieg“ nur als Metapher für Veränderung steht. Bei Grabner-Haider liest man dazu: „Vielleicht wollte er damit auch ein schwer zu deutendes Diktum Anaximanders fortführen, wonach die Dinge einander Vergeltung für die Ungerechtigkeit der wechselseitigen Übergriffe zu zahlen haben.“ Damit sind wir nun doch wieder bei einem der Milesier angelangt; von einer sich auf Grund der Einheit der Gegensätze beständig im Gleichgewicht befindlichen Welt war allerdings bei Anaximander noch nicht die Rede.
Einer der am schwierigsten zu fassenden Begriffe bei Heraklit (und nicht nur bei ihm!) ist der Begriff des lógos (λόγος), den man u. a. als Wort, Rede, Sprache, Vernunft oder Sinn verstehen kann, wobei nicht das von jemandem gesprochene Wort gemeint ist, sondern „Wort, hinter dem sich Rationalität verbirgt“; bei Geyer heißt es: „Dabei besteht eine nicht geringe Schwierigkeit darin, wie ‚lógos‘ im einzelnen übersetzt werden muß: hat es doch sogar Versuche gegeben, den ‚lógos‘ Heraklits im Schöpfungsbericht der Genesis oder im Prolog des Johannesevangeliums wiederzuerkennen“ („Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“) Um die Ausführungen in Grenzen zu halten: „Auch wenn es schwierig ist, den lógos-Begriff bei ihm [Heraklit] definitorisch klar zu machen…, so kann doch behauptet werden, dass der lógos bei ihm identisch war mit der Gottheit, die gleichzeitig das Weltgesetz… bedeutet.“ (Grabner-Haider)
Heraklit war nicht nur „schwer zu lesen“ (so Sokrates), sondern scheint auch Misanthrop gewesen zu sein. Er selbst war Aristokrat, fühlte sich der Elite zugehörig und äußerte sich über die Menschen in Sätzen wie „Zu hören verstehen sie nicht noch zu sprechen“ und „Sie verstehen nicht, wenn man sie belehrt, aber sie bilden sich ein, sie verstünden“. So war er auch der Überzeugung, dass der großen Masse die Einsicht in den lógos verwehrt sei: „Dieses Weltgesetz (lógos), das doch ewig ist, begreifen die Menschen nicht, weder bevor sie davon gehört, noch sobald sie davon gehört haben. Denn obgleich alles nach dem Gesetz geschieht, machen sie den Eindruck, als ob sie nichts davon ahnten.“ Stattdessen legen sich die Menschen ihren eigenen, privaten lógos zu. Wobei mir persönlich spontan Watzlawicks konstruierte Wirklichkeiten einfallen.




Geyer, Carl-Friedrich:Die Vorsokratiker. Eine Einführung. Wiesbaden o. J.
Mansfeld, Jaap: Die Vorsokratiker I. Milesier, Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit, Parmeinides. Griechisch/Deutsch. Stuttgart 1999
Grabner-Haider, Anton: Die wichtigsten Philosophen. Wiesbaden3 2009
Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. München 1966
Ludwig, Ralf: Philosophie für Anfänger von Sokrates bis Sartre. Ein Wegbegleiter durch die abendländische Philosophie. München 2015
Bloch, Ernst: Tübinger Einleitung in die Philosophie. Frankfurt 1996